
Crowdfunding ist am Finanzmarkt bereits seit einigen Jahren ein Trendthema. Risikoreiche Möglichkeit oder Chance zur Diversifizierung?
"Wir brauchen eure Hilfe", postete das Team von Holi – Europas erstem gewichtsneutralen Gesundheitszentrum – auf Instagram und rief im gleichen Posting zum Crowdfunding auf. Dabei handelt es sich um eine innovative Finanzierungsform, bei der viele Anleger:innen gemeinsam Projekte, Start-ups oder Unternehmen finanziell unterstützen. Genutzt wird das vor allem von Firmen, die ein Produkt oder eine Dienstleistung verkaufen möchten, aber nicht das nötige Kapital haben. Stefan Kainz leitet die Crowdfunding-Plattform klimja.at und erklärt die drei gängigsten Formen: "Es gibt spendenbasiertes Crowdfunding, dabei unterstütze ich ein Projekt und bekomme dafür ein Geschenk. Die zweite Variante ist die Investition in Start-ups. Aber auch etablierte Unternehmen rufen zum Crowdfunding auf – Risiko und die Renditechancen sind hier geringer."
Chancen und Risiken
Spendenbasiertes Crowdfunding zählt nicht als Anlageform, sondern gilt als Unterstützung von Projekten, die einem am Herzen liegen. Beteiligungen in erfolgreiche Start-ups hingegen bieten potenziell höhere Renditen als klassische Anlageformen, sind allerdings mit mehr Risiken verbunden. Investiert man wiederum in größere, bestehende Unternehmen, so handelt es sich um eine Leihgabe – man bekommt den Kredit mit moderaten Zinsen zurück. Kainz klärt über die möglichen Gefahren auf: "Das Investment ist für die definierte Laufzeit fix gebunden, ich kann es also nicht jederzeit abrufen. Ein zweiter Punkt ist das Ausfallrisiko. Wenn ein Projekt wirtschaftlich nicht erfolgreich ist, wird es die vereinbarten Zins- und Tilgungszahlungen gar nicht oder nicht zeitgerecht leisten können."
Viele Unternehmen scheitern gerade in den ersten Jahren, und es besteht die Gefahr eines Totalausfalls der Investition. Außerdem zählt Crowdinvesting häufig auch als nachrangig verzinstes Darlehen. "Das bedeutet, dass Anleger:innen im Fall einer Insolvenz des Projekts oder Start-ups nachrangig behandelt werden und somit ein höheres Verlustrisiko tragen", erklärt Kambis Kohansal Vajargah, Stellvertretender Bundesgeschäftsführer des Gründerservice der WKÖ und Head of Start-up-Services. Um das Risiko zu minimieren, empfiehlt er, nicht nur auf ein Projekt zu setzen, sondern das geplante Anlagevermögen auf mindestens fünf aufzuteilen. Je nach Plattform und Projekt beginnt das Mindestinvestment häufig bei 100 Euro. Der WKÖ-Experte rät darüber hinaus: "Am besten investiert man in diverse Branchen, Märkte und Projekte in unterschiedlichen Phasen."
Plattformen prüfen
Wie wählt man aus, worin man sein Geld anlegen möchte? Crowdfunding-Konzepte werden auf bestimmten Plattformen gesammelt und nach Themen gegliedert. Diese gilt es zu checken, so Vajargah: "Crowdfunding kann zum Teil unterschiedlich reguliert sein, je nachdem, wo sich die Plattform befindet und welche Gesetze dort gelten. Dadurch kann es schwieriger werden, das Risiko einzuschätzen." In der EU bietet die ECSP-Verordnung einen einheitlichen Rechtsrahmen: "Sie verpflichtet die Plattformen zu Transparenz und stellt sicher, dass Anleger:innen die Risiken verstehen." In Österreich regelt zusätzlich das Alternativfinanzierungsgesetz die Anlageform. Auf der Site der WKÖ gibt es eine Liste mit allen seriösen Plattformen und den jeweiligen Themengebieten. Vajargah empfiehlt die Websites auf Lizenz, Überwachung, Erfahrungsberichte und Transparenz zu überprüfen.
Stefan Kainz, Betreiber der klimafreundlichen Crowdfunding-Plattform klimja.at, hat Tipps für die richtige Auswahl der Projekte: "Das erste Kriterium sollte die Frage sein: Passt es zu meinen Werten und unterstütze ich das, was das Unternehmen vorhat? Zweitens sollten Sie prüfen, inwiefern die Rendite in einem angemessenen Verhältnis zum Risiko des Vorhabens steht. Und drittens: Passt die Anlagemöglichkeit zu meiner persönlichen Situation?" Im nächsten Schritt sollten sich Anleger:innen die Kennzahlen für das Projekt genau anschauen: Wie sehen der Businessplan und das Marktversprechen aus? Sind die Ziele und Auszahlungsvoraussetzungen transparent? Viele Plattformen bieten jährliche und halbjährliche Berichte über den Fortschritt an. "Crowdinvesting ist auch für Einsteiger:innen geeignet", meint Kainz. "Viele Plattformen bieten Einführungen ins Basiswissen, sodass jede:r Anleger:in die jeweiligen Projekte selbst beurteilen kann."
Alle Infos im Überblick
Crowdfunding ist eine Finanzierungsform, bei der viele Anleger:innen gemeinsam ein Projekt oder Start-up finanzieren.
Formen: Spendenbasiertes Crowdfunding bietet Unterstützung ohne Rückzahlung, Crowdinvesting in Start-ups hohe Renditen bei hohem Risiko. Crowdinvesting in etablierte Unternehmen ist mit einem geringeren Risiko mit moderaten Rückzahlungen verbunden.
Risiken: Wenn ein Projekt scheitert, besteht das Risiko eines Totalausfalls. Zudem kann eine mangelnde Regulierung außerhalb der EU zu geringer Transparenz führen, was es für Anleger:innen schwer macht, fundierte Entscheidungen zu treffen. Ein weiteres Risiko ist die Nachrangigkeit: Im Fall einer Insolvenz werden zuerst andere Gläubiger bedient, wodurch Investor:innen ihr Kapital möglicherweise vollständig verlieren.
Auswahl: Bei der Wahl einer Crowdinvesting-Plattform sollte auf gute Regulierung und Transparenz geachtet werden. Bewertungen und Erfahrungen anderer Anleger:innen helfen, die Seriosität einzuschätzen. In der EU sorgt die ECSP-Verordnung für einen einheitlichen Rechtsrahmen, indem sie Plattformen zu mehr Transparenz verpflichtet und sicherstellt, dass Anleger:innen die Risiken verstehen, während in Österreich zusätzlich das Alternativfinanzierungsgesetz diese Anlageform reguliert.
Plattformen: Wer nach Investitionen im Bereich Klimaschutz sucht, kann einen Blick auf klimja.at werfen. Für Angebote im Immobiliensektor bietet sich conda.at an. Projekte, die darauf abzielen, regionale Gebiete zu fördern, sind unter gemeinwohlprojekte.at zu finden. Eine ausführliche Liste gibt es auf der WKÖ-Website.