
Renée Zellweger bei der Premiere des vierten Bridget Jones Films Ende Jänner 2025 in London.
©IMAGOIhre Figur sei wie eine alte Freundin, sagt Renée Zellweger über ihren aktuellen Kinofilm "Bridget Jones - Verrückt nach ihm". Warum mag man diese Chaotin, die nie sonderlich zeitgemäß gewesen ist, eigentlich noch immer?
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Es klingt wie eine Filmszene, aber es ist wirklich so passiert: Schauspielerin Renée Zellweger war in London in der U-Bahn unterwegs. Plötzlich hörte sie, wie ein Mann über Hollywoodstars zu lästern begann: "Ganz besonders diese Renée Zellweger", sagte er: "Warum unterzieht sie sich einer Beauty-OP und glaubt, wir merken es nicht?!“ Der Rest ist wie direkt aus "Bridget Jones": Zellweger stellte sich demonstrativ in die Nähe des Spötters. Als er sie entdeckte, stammelte der Mann verlegen: "Oh, sind Sie es? Sie sind es! Oh mein Gott, aber Sie sehen aus wie Sie selbst."
Renée Zellweger hat oft betont, es fühle sich bei Dreharbeiten an, als würde sie eine gute Freundin wiedertreffen. Sie sei Bridget Jones. Was die beiden definitiv verbindet, ist ihr schlagkräftiger, durchaus schräger Humor. Über ihr Filmdebüt "Texas Chainsaw Massacre: The Next Generation" von 1995, in dem sie das Final Girl spielte, meinte sie, Splatterfilme seien das beste Workout. Nichts sei sportlich motivierender als ein Schauspielerkollege, der mit einer Kettensäge hinter einem her ist.
Auch die Szene in der U-Bahn beweist: Renée Zellweger hat wie Bridget Jones keine Angst vor unangenehmen Situationen. Andere hätten sich möglichst unsichtbar gemacht, sie sucht die Konfrontation. Die Gabe, peinliche Situationen noch peinlicher zu machen, ist wahrscheinlich auch der größte Trumpf von Bridget Jones. Ihr ungebrochener Kampfwille ist nicht nur unterhaltend, sondern auch ermutigend. Dadurch werden die scheinbar Perfekten als angepasste Langweiler bloßgestellt.


2001 drehte sich im ersten Film, "Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück", alles um ihre chaotischen Beziehungen zu Mark Darcy (Colin Firth) und Daniel Cleaver (Hugh Grant).
© picturedesk.comWarum mag man Bridget Jones trotzdem?
Ein wesentlicher Anteil ist die großartig selbstironische Besetzung, die offensiv mit Filmgenres und Rollenzuschreibungen jongliert. Ausgerechnet der Romantic-Comedy-Schönling Hugh Grant spielte von Beginn an einen oberflächlichen Playboy, was mit zunehmendem Alter noch lächerlicher wirkt. Der Jane Austen erprobte Colin Firth steht für britisches Film-Understatement und trockenen Humor. Im neuen Teil, "Bridget Jones – Verrückt nach ihm", ist Leo Woodall das 29-jährige Love-Interest von Bridget. Der Schauspieler brillierte in der zweiten "White Lotus"-Staffel als sexy, aber dumm-gefährlicher britischer Proll.
2001 spielte die Texanerin zum ersten Mal die chaotische Engländerin Bridget. Schon damals fand man absurd, dass eine schlanke Schauspielerin ständig Kalorien zählt. Und dass das Glück jeder Frau nur in den Armen eines Mannes zu finden sein soll. Den Feminismus neu erfunden hat die Bridget-Jones-Comedy-Serie wahrlich nicht. Und auch Zellwegers schauspielerischen Fähigkeiten sind begrenzt: Sie schrammt knapp an der Karikatur vorbei, wie steif sie ihre Figur durchs Leben stapfen lässt, wie verzwickt sie ihre Augen zukneift. Sonderlich subtil ist das nicht. Obwohl auch da Zellweger gekonnt den Ball zurückspielt: "In einer Komödie kann man seine Figur so weit verzerren, dass sie gerade noch glaubwürdig ist. Das macht wahnsinnig Spaß", vertraute sie dem Spiegel an.


In "Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns" setzte sie 2004 ihre turbulente Beziehung zu Darcy fort.
© picturedesk.comLieber nicht online
Dass Zellweger für ihre Rolle als Bridget Jones die Dating-Plattform Tinder entdecken musste, war für sie eine neue Erfahrung. Privat hat sie eine gesunde Distanz zum Online-Wahnsinn: "Ich werde nie verstehen, warum ich mir die Meinung von wildfremden Menschen im Internet zu Herzen nehmen oder gar mein Leben danach ausrichten sollte." Grundsätzlich kann sie digitalen Angeboten einiges abgewinnen, wenn es um Jobs geht: "Junge Frauen warten nicht mehr, bis sie gefragt oder angestellt werden, sondern schaffen sich ihr eigenes Publikum", sagt sie im Spiegel: "Es gibt zwar immer noch keine Lohngleichheit, aber immerhin können wir inzwischen verhandeln."
Renée Zellweger selbst musste 2016 wegen Spekulationen über Schönheitsoperationen viel untergriffige Kritik einstecken, was sehr verletzend für sie war, wie sie mehrmals betonte. "We can do better" ("Wir können es besser machen"), rechnete sie mit den Medien ab. Mittlerweile sind wir zumindest darin ein Stückchen weiter: Was Frauen an ihrem Körper machen lassen, geht keinen etwas an. Beautyeingriffe sind kein Tabu mehr, egal wie man zu ihnen steht. Andere Frauen dafür zu kritisieren, ist ein No-Go. Wie man auch an Nicole Kidman in "Babygirl" sieht, braucht man keine Stirnfalten, man kann auch so eine famose Schauspielerin sein.


In "Bridget Jones’ Baby" wurde sie 2016 ungewollt schwanger und wusste nicht, ob Darcy oder Jack Qwant (Patrick Dempsey) der Vater ist.
© picturedesk.comVon innen stark
Was an Bridget Jones außerdem empowernd ist: Sie hat einen Job, den sie liebt und in dem sie brillant ist. In "Bridget Jones – Verrückt nach ihm" ist sie seit vier Jahren Witwe mit zwei kleinen Kindern. Dass sie wieder zum Fernsehen als Produzentin geht, tut ihr mindestens so gut wie ihr wiedererwachtes Liebesleben. Wo sonst als im chaotischen Fernsehen könnte sich eine liebenswerte Durchwurschtlerin wie Bridget besser zu Hause fühlen? Es ist ein perfektes Match!
Aber Zellweger ist nicht nur Bridget Jones. Sie war lange eine der fleißigsten Schauspielerinnen Hollywoods. Zwischen 2000 und 2010 drehte sie an die 20 Filme. Mitunter arbeitete sie an vier Filmen pro Jahr. Sie zählte zu den bestbezahlten Schauspielerinnen Hollywoods. Pro Film soll sie rund 15 Millionen Dollar verdient haben. Danach zog sie sich überraschend zurück, sie konnte ihre eigene Stimme nicht mehr hören. Der Druck habe sie sehr belastet, sie musste neue Prioritäten setzen, war für Hilfsorganisationen in Asien und Afrika unterwegs.


Im aktuellen Teil "Bridget Jones – Verrückt nach ihm" ist Bridget inzwischen alleinerziehende Mutter und wagt nach dem Verlust von Mark Darcy den Schritt zurück ins Dating-Leben.
Doch je älter Zellweger wird, desto mehr versteht sie, was alle an Bridget fasziniert: Sie verbiegt sich nicht, um anderen gefallen zu wollen. Sie geht ihren Weg, egal was andere denken. "Ich wurde in meinen blauen Jeans und Cowboystiefeln mit meinem chaotischen Haar eingestellt. Also warum habe ich plötzlich versucht, in eine Form zu passen, die mir nicht gehörte?", reflektiert Zellweger den patriarchalen Druck, der nicht nur in Hollywood in Sachen Schönheitsnormen herrscht. Vielleicht können wir tatsächlich noch immer von Bridget Jones lernen, zumindest was ihren schrägen, chaotischen Widerstandsgeist betrifft, der Persönlichkeit über Oberflächlichkeit stellt.