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Stefanie Reinsperger: "Nur auf der Bühne fühle ich absolute Freiheit"

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13 min
Schauspielerin Stefanie Reinsperger
©Hilde van Mas
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Stefanie Reinsperger ist zurück! Nach acht Jahren in Berlin checkte die "Bühnen-Berserkerin" als fixes Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater ein. Über ihre Rollen, ihre Wut und warum sie heute gerne außerhalb der Norm ist.

Etwas abgehetzt erscheint Stefanie Reinsperger zu unserem Termin im Wiener Burgtheater. Sie beeindruckt mit ihrer kraftvollen, herzlichen Ausstrahlung. Während sie Rucksack und Mantel ablegt, sprudelt Stefanie schon mit ihrer angenehm tiefen Stimme los: "Ah, ein Kaffee wäre noch gut." Die Kantine ist ohnehin ums Eck, also wird einer geholt, dann widmet die Schauspielerin unserem Gespräch auch schon ihre volle Aufmerksamkeit.

Die 36-Jährige ist nach acht Jahren in Berlin wieder zurück in Wien, zurück an der Burg: "Heimweh und die Lust auf neue künstlerische Herausforderungen haben mich dazu gebracht." Ja, sie sei auch glücklich in Deutschland gewesen, mache da noch eine Produktion am Berliner Ensemble und bleibe weiterhin "Tatort"-Ermittlerin: "Doch ganz ehrlich, Berlin war nicht leicht für mich. Die Stadt ist so riesig, fordernd und schnell." Aber klar, auch in Wien ist nicht alles super, vieles habe sich während ihrer Abwesenheit verändert, sagt Stefanie, die derzeit als Liliom, ihrer ersten Rolle nach ihrer Rückkehr – "dass ich einen Mann spiele, ist nichts Außergewöhnliches mehr" –, am Burgtheater brilliert und sich freut, dass Mareike Fallwickl – "ich liebe ihre Wut" – einen Monolog für sie geschrieben hat ("Elisabeth!", Premiere: 11. April), der vom Mythos Sisi handelt.

Die Repräsentation vom wunderschönen Anderssein ist wichtig. Eine Gesellschaft und auch unsere Kultur speisen sich aus Vielfältigkeit.

Stefanie ReinspergerSchauspielerin
WOMAN

Sie bezeichnen sich selbst als außer der Norm. Wären Sie lieber in der Norm?

Stefanie Reinsperger

Nein, inzwischen nicht mehr. Aber als junger Mensch ist es normal, zu denken: Ach, ich möchte so gerne dazugehören, so sein wie die anderen. Da ergibt sich für mich ein Zusammenhang zu Diversität. Ich muss an die Serie "Sex Education" denken. Wäre toll gewesen, wenn es die gegeben hätte, als ich 13 oder 14 Jahre alt war. Aber diese Verschiedenartigkeit war damals noch nicht sichtbar. Aus diesem Grund kann ich auch kein Augenrollen zu diesem Thema ertragen, nach dem Motto: Diversität nervt. Die Repräsentation vom wunderschönen Anderssein ist so wichtig. Eine Gesellschaft und auch unsere Kultur speisen sich aus Vielfältigkeit. Das macht sie reich, alles andere ist eindimensional und fad und nicht das Leben. Vor diesem Kunterbunten sollten wir keine Angst haben, es macht uns nur brillanter.

WOMAN

Sie sagen, in Ihren Rollen in die Seelen der Figuren zu schauen, um deren Abgründe und Sehnsüchte zu ergründen. Was haben Sie bei Liliom entdeckt?

Stefanie Reinsperger

Er ist ein Arschloch und schlägt seine Frau. Aber keiner wird als schlechter Mensch geboren, jeder ist letztendlich verantwortlich für seine Entscheidungen, und dieser Mensch trifft durchgehend sehr, sehr viele falsche. Ich brauche einen Anhaltspunkt bei einer Figur, mit dem ich mich als Steffi verbinden kann. Das ist mir bei Liliom sehr schwergefallen, aber es gibt dennoch etwas, das mich sehr berührt hat. Da ist die Julie, die ihn anschaut und sagt: "Ich liebe dich." Das löst in ihm eine irrsinnige Angst aus. Das kann ich als Steffi irgendwie verstehen. Obwohl ich nicht nachvollziehen kann, Mas wie er sich danach verhält, aber das muss ich dann auch nicht mehr, weil dieser eine Moment ausreicht. Die Figur der Julie spielt die Maresi (Maresi Riegner, Anm.) ganz besonders eindringlich. Es gibt wenige Augen, in die man so gerne hineinfällt wie die von dieser Kollegin.

WOMAN

Heißt das, dass Sie auch Angst vor Nähe haben?

Stefanie Reinsperger

Nein, das habe ich nicht. Und was jetzt genau mein Anteil ist, mit dem ich mich mit Liliom verbinde, bleibt mein Geheimnis. Aber der ist gar nicht so spannend. (lacht)

WOMAN

Sie schreiben in Ihrem Buch "Ganz schön wütend", dass Sie beim Spielen Gedankengänge beim Publikum anstoßen und Leute an Ihrem Inneren teilhaben lassen wollen. Was meinen Sie damit?

Stefanie Reinsperger

Klar habe ich meinen persönlichen Zugang zu den unterschiedlichen Rollen, aber jede:r sollte mit eigenen Augen sehen und spüren. Deshalb will ich gar nicht so viel dazu sagen, wie ich dieses oder jenes sehe und spiele. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Publikum zu sehr geleitet werden möchte und Angst davor hat, etwas falsch zu verstehen. Doch da gibt es kein falsch. Ich kann nur ermutigen: Geht rein und lasst euch auf die Situation ein, lasst euch auf diese Menschen ein, die ihr da seht. Geht diese Reise mit

WOMAN

Auf der Bühne zeigen Sie sich sehr offen und geben alles. Wie ist das im echten Leben – brauchen Sie da öfter einen Schutzmantel?

Stefanie Reinsperger

Nein, es ist nur so, dass ich mich auf der Bühne viel wohler fühle als im Leben. Da gibt es Regeln, Stützpfeiler für eine Inszenierung, für den Umgang miteinander und für das, was man erzählen will. Und bei dieser Amplitudensuche mittendrin zu sein und mich da reinfallen zu lassen, taugt mir irrsinnig. Ich mag ein risikofreudiges Spiel, mag es, meine Seele nackt zu machen, obwohl das natürlich auch bedeutet, dass es einen vielleicht auch mal aufblattelt und die Kritiker:innen sich auf einen stürzen. Trotzdem: Nur auf der Bühne fühle ich absolute Freiheit. Deshalb bin ich da so gern.

WOMAN

Viele scheuen Konfrontationen, bei Ihnen hat man nicht diesen Eindruck ...

Stefanie Reinsperger

Privat bin ich extrem harmoniesüchtig. Und das ist, glaube ich, ein sehr weiblicher Anteil. Ich habe erst lernen müssen, wie wichtig es ist, die eigene Meinung zu sagen und in einen Diskurs und Konflikt auch mal reinzugehen. Vor allem auch, wenn man wütend wird, denn unterdrückte Wut wird schnell zu Hass, und der ist so unproduktiv. Aber beim Auswüten, wie ich es gern nenne, habe ich gemerkt: Es ist okay, weil das kommt ja aus einem tiefen Empfinden von Ungerechtigkeit und einem Ungleichgewicht. Ich habe erkannt: Wenn ich in bestimmten Situationen den Mund nicht aufmache, bleibt der Status quo. Und den würde ich nach wie vor sehr hinterfragen, vor allem unsere Gesellschaft betreffend. In dem Zusammenhang fällt mir auf, dass ich, im positivsten Sinne, wütender und lauter werde. Das war ein langer Weg, und ich habe mir da viel von meinen männlichen Kollegen abschauen können. Ich fand es immer interessant, mit wie viel Respekt auf deren Äußerungen reagiert wurde und wird. Ich habe davon gern gelernt, um ernst genommen zu werden. Dennoch ist es ein laufender Prozess.

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Schauspielerin Stefanie Reinsperger
 © Hilde van Mas
WOMAN

Wie haben Sie es geschafft, diese Wut in Kraft und Mut umzuwandeln?

Stefanie Reinsperger

Mama, Papa, meine Schwester Jasmin, meine beste Freundin Bernadette. Das sind die wichtigsten Wegbegleiter:innen in meinem Leben. Sie bringen mir für all meine Emotionen so viel Raum und so unfassbar viel Liebe und Verständnis entgegen. Ich habe das große Glück, aus einer Familie zu kommen, in der man sich für seine Gefühle nie schämen musste. Bei meiner Mama sowieso, aber ich habe auch so einen tollen Papa. Oh mein Gott, habe ich einen tollen Papa, der seinen beiden Töchtern so viel Selbstbewusstsein mitgegeben hat und immer noch gibt. Das habe ich immer schon gespürt, aber je älter ich werde, desto mehr merke ich, diese Menschen sind der kostbarste Schatz. Und dazu noch meine Arbeit. Durch all das wird das Gefühl weniger, mich im Leben falsch zu fühlen. Ich kann aus vollstem Herzen sagen: Es gibt wirklich nichts, was ich so gerne mache wie spielen. Das ist so tief. Ich wache morgens auf, weil ich da bin, um diesen Beruf leben zu dürfen. Ein Geschenk für mich.

WOMAN

Was macht Sie aktuell wütend?

Stefanie Reinsperger

Where to start? Ja, also ich habe Wut, aber vor allem Angst. Der Umgang miteinander, welche Parteien gewählt werden, und Kürzungen bei Kulturförderungen verunsichern mich extrem.

WOMAN

Sie waren schon vielen Anfeindungen ausgesetzt. Sie seien zu laut, zu schwer, zu anstrengend. Wie gehen Sie heute damit um?

Stefanie Reinsperger

Das Schöne am Älterwerden ist, dass zwar der persönliche, emotionale Rucksack größer und schwerer wird, aber in vielen Dingen werde ich bestimmter und ruhiger. Dieser Zustand taugt mir. Das merke ich auch im Freundeskreis, weil wir alle gleichzeitig älter werden und diesen Weg zusammen gehen. Hate passiert ja leider nach wie vor. Es gibt so viele Menschen, die damit konfrontiert werden und noch nicht so gut damit umgehen können. So lange habe ich mir gedacht: Boah, was muss ich an mir und meinem emotionalen Umgang ändern, damit der Hate aufhört. Viel schöner ist es doch, cool miteinander zu sein. Hören wir auf, Frauenkörper oder deren Aussehen zu kommentieren. Lasst uns lieber Komplimente machen. Es ist so schön, wenn man auf der Straße geht und sich, ohne sich zu kennen, nette Sachen sagt. Ist doch lohnenswert, das mal auszuprobieren.

WOMAN

Sind Sie mit guten Vorsätzen in das neue Jahr gestartet?

Stefanie Reinsperger

Da ich ein Theaterviech bin, denke ich ein Jahr immer in einer Spielzeit. Meine Zeitrechnung geht von Sommer zu Sommer. Dieses Jahr möchte ich einiges zurücklassen, denn 2024 habe ich extrem viel gearbeitet, noch dazu nie an dem Ort, an dem ich gelebt habe. Eine Herausforderung. Ach, und am 30. Jänner habe ich Geburtstag, aber am 29. spiele ich in Berlin. Ein großer Wunsch, da es für mich keinen schöneren Ort gibt, als im Theater in ein neues Lebensjahr reinzufeiern.

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