
Die fulminante Doku "VIKA!" erzählt vom bunten Leben der ältesten DJane Europas. Sie ist 85, kämpft für ihre Träume und pfeift auf Altersklischees.
Die Nebelmaschine läuft, gleißendes Licht strahlt auf die Bühne, die Spannung im Publikum ist spürbar. Alles wartet auf ihren Einsatz, Stimmen rufen: "Vika! Vika! Vika!" – Gemeint ist die Frau hinter den Turntables, die jetzt endlich loslegt: 85, weiße Haare, Brille, quietschbuntes Outfit und beide Arme weit hochgerissen – los geht die Party mit DJ Vika! Sie ist der Star in den Warschauer Nachtclubs und wird bei ihren Auftritten gefeiert wie eine Ikone. Vollkommen zu Recht! Die polnische Regisseurin Agnieszka Zwiefka hat dem Leben der ältesten DJane Europas ein Doku-Musical gewidmet. "VIKA!" startet am 16. Jänner in Deutschland und kommt im Frühjahr nach Österreich.
Es ist das beeindruckende Porträt einer Frau, die sich neu erfunden hat und das Leben in vollen Zügen genießt. Die Idee dazu kam der Regisseurin bei der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Alter und der Angst davor. "Ich wollte mich selbst davon überzeugen, dass ich zu meinen eigenen Bedingungen altern kann. Also habe ich mich auf die Suche nach Frauen gemacht, die dem Stereotyp des Alterns trotzen. Denn wir neigen dazu, unsere älteren Mitbürger:innen, insbesondere Frauen, zu ignorieren. Sie sind plötzlich unsichtbar und verschwinden aus dem öffentlichen Leben", erzählt sie. Vikas Energie auf der Bühne hat sie sofort umgehauen. Fünf Jahre lang haben Zwiefka und ihr Team sie begleitet.


Hinter den Turntables fühlt sich Wirginia Szmyt aka DJ Vika am wohlsten.
© Jip Film & VerleihKeine Lust auf Stillstand
"Wenn wir an das Alter denken, stellen wir uns normalerweise graue Farben vor. Aber bei Vika dreht sich alles um Rosa, Gold und Blau. Sie ist alles andere als grau und langweilig", schwärmt die Filmemacherin von der Zusammenarbeit mit ihrer Protagonistin – die im echten Leben abseits der Bühne Wirginia Szmyt heißt, in einem Plattenbau in Warschau wohnt und vor 25 Jahren, mit ihrem Pensionsantritt, mit dem Auflegen begann. Nach ihrer Karriere als Sonderpädagogin für straffällige Jugendliche in einem Gefängnis in Vilnius hatte Szmyt keine Lust mehr auf ein ruhiges Seniorinnenleben. "Nur weil man Rentnerin ist, heißt das nicht, dass man nur noch wie eine Geranie in der Fensterbank sitzen und für die Enkel Mittagessen kochen muss. Ich kann gar nicht kochen. Ich mag es nicht", sagt die vierfache Oma. Zu ihren beiden Söhnen hat Szmyt ein angespanntes Verhältnis, weder sie noch die Enkel:innen besuchen sie bei ihren Auftritten. "Ich glaube, dass ich ihnen peinlich bin", erzählt die 85-Jährige. Anbiedern möchte sie sich aber auch nicht: "Ich komme allein gut zurecht und möchte niemandem zur Last fallen."


"Ich hätte nie gedacht, dass ich so berühmt werde. Ich bin hier der Star. Das macht mir eigentlich Angst", gesteht die Seniorin in der Doku.
© Jip Film & VerleihWirginia Szmyt weigert sich, sich den Erwartungen anderer anzupassen und in eine Rolle zu schlüpfen, die ihr nicht gerecht wird. Und sie möchte ihre Altersgenossinnen dazu ermutigen, sich neu zu erfinden und etwas zu tun, das sie mit Leidenschaft erfüllt. Das erste Mal in ihrem Leben lebt Vika ihren Traum. "Mein verstorbener Mann würde sich im Grab umdrehen", schmunzelt die polnische DJane. "Ich vergesse mein Alter, wenn ich Musik mache. Musik ist Medizin für die Seele und eine Brücke zu allen Generationen." Ans Aufhören denkt die quirlige Pensionistin noch lange nicht. "Ich genieße die Glücksmomente, wenn das Publikum Spaß hat und tanzt", sagt sie, während sie sich für ihren nächsten Auftritt bei einer Seniorenparade stylt. "Ich möchte schön bunt aussehen. Je älter, desto bunter. Vielleicht werde ich zum schrillen Papagei."


Regisseurin Agnieszka Zwiefka inszeniert in ihrer neuesten Arbeit das beeindruckende Leben der 85-jährigen Wirginia Szmyt. Neben der Protagonistin spielen auch professionelle Tänzer:innen aller Altersgruppen mit.
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